Barockkommode restaurieren: Eine Schweifkommode so zeigen, wie sie gemeint war

Diese barocke Schweifkommode kam mit einer abgenutzten Spirituslackoberfläche in meine Werkstatt. Durch einen alkalischen Löslichkeitstest zur Bestimmung des Bindemittels konnte Schellackharz als Bestandteil im Spirituslack nicht nachgewiesen werden, was einen wichtigen Hinweis auf die Originalität des Überzuges gibt. Die Zielsetzung bei der Restaurierung lautet nicht, ein altes Möbelstück einfach nur optisch aufzuhübschen, sondern den ehrlichen Charakter des Holzes und seine handwerkliche Geschichte wieder sichtbar zu machen.

Korpus und Front des Möbels sind mit Nussbaum furniert. In den Feldern und der Parkettierung finden sich Zwetschgenholz und Ahorn, in der Tür des Aufsatzes sogar verpilztes Holz (Spaltpilz-Zeichnung). Die schwarzen Profile bestehen ebenfalls aus Nussbaum und sind im Originalzustand mit Flammruss in Spirituslack gefasst. Diese originalen Partien wurden von mir bewusst nicht angetastet. Zum Erhalt des historischen zeugniswerten Charakters gehört es, intakte Altsubstanz konsequent zu respektieren. Die handgeschmiedeten Beschläge bestehen aus Eisen und sind noch original verzinnt.

Schweifkommode restaurieren: Frontansicht der Kommode mit Aufsatz, Nussbaum furniert mit Rautenfeldern und dunklen Profilen

Ausgangszustand in der Werkstatt: Die Schweifkommode mit Aufsatz vor der Bearbeitung. Deutlich zu sehen ist die stark abgenutzte, stumpfe Spirituslackoberfläche, welche die Tiefenwirkung der edlen Furniere dämpft.

Metrologische Analyse: Woher stammt dieses Möbel?

Alter und Herkunft des Möbels sind schriftlich nicht belegt. Um fundierte Indizien zur Herkunft zu gewinnen, habe ich die Masse systematisch erfasst, mit historischen Massen aus der Region verglichen und am Computer ausgewertet. Die Analyse berücksichtigt die Schwindungstoleranzen von Längs- und Querholz und gewichtet die alten Masseinheiten differenziert. Ein einzelnes Mass besitzt dabei noch keine Aussagekraft; erst die statistische Menge erlaubt spannende Rückschlüsse: Bei diesem Objekt deutet das Ergebnis signifikant auf den alten Zürcher Schuh hin – ein starkes Indiz für eine Entstehung direkt hier im Zürcher Raum.

Konservatorische Zurückhaltung: Was ich nicht gemacht habe

Die Holzoberfläche war im Original geschabt und nicht geschliffen. Geschabtes Holz zeigt unter dem Mikroskop eine völlig andere Gefügestruktur als geschliffenes: Die Holzfasern sind sauber geschnitten, die Lichtreflexion ist brillanter und die Kanten der Marketerie bleiben trennscharf. Jeder Einsatz von Schleifpapier würde diese handwerkliche Spur unwiderruflich zerstören. Ich habe deshalb praktisch auf jeglichen Schliff verzichtet.

Der gealterte Spirituslack wurde ausschliesslich mit einem Lösemittelgemisch abgenommen, das exakt auf die chemische Zusammensetzung der Altschicht abgestimmt war. Dabei wurde komplett wasserfrei gearbeitet. Da die Furniere historisch mit tierischem Hautleim verklebt sind, stellt Feuchtigkeit das grösste Risiko für die Leimfugen dar.

Handwerkliche Umsetzung: Die Massnahmen

Im ersten Schritt wurden instabile Furnierablösungen mit warmem Hautleim im Reaktivierungsverfahren gefestigt. Fehlende Furnierfragmente wurden substanzschonend durch passgenaue Ergänzungen aus historischem Altfurnier ersetzt, um das geschlossene Bild der Marketerie wiederherzustellen. Auch die mechanische Funktion wurde überarbeitet: Um das störende Schaben der Schubladenböden auf den Traversen zu verhindern, wurden die abgenutzten Laufleisten reversibel aufgedoppelt. Diese Massnahme optimiert die Gleitfähigkeit der Schubladen nachhaltig und stoppt den weiteren Substanzverlust an den historischen Konstruktionsteilen, ohne in die originale Substanz einzugreifen.

Danach folgten der Auftrag einer Körnerbeize zur präzisen Abstimmung von Farbtiefe und Fladerung sowie eine traditionelle Ölgrundierung zur Anfeuerung des Holzbildes.

Die anschliessende Spiritusmattierung wurde nach einer Rezeptur aus der Entstehungszeit des Möbels angemischt und in einem einzigen Arbeitsgang dünn ausgetragen. Als finale Schutzschicht dient ein Auftrag aus leicht eingefärbtem, reinem Bienenwachs.

Schweifkommode mit Aufsatz in Schrägansicht, restauriert mit matter Wachsoberfläche

Das restaurierte Möbel in der Schrägansicht: Nach der materialschonenden Abnahme der Altschicht und dem hauchdünnen Neuaufbau zeigt sich die Oberfläche wieder so, wie sie vom Erbauer gedacht war.

Warum keine Hochglanzpolitur?

Eine spiegelnde Hochglanzpolitur (wie eine späte Schellack-Handpolitur) hätte das Möbel stilistisch in einen höfischen Kontext gerückt, der nicht der Typologie dieses bodenständigen Möbels entspricht. Die gewählte dünne, seidenglänzende Oberfläche bildet den ehrlichen Charakter des Möbels exakt ab. Zudem bleibt die Wachsschicht vollkommen reversibel und lässt sich jederzeit materialschonend auffrischen oder abnehmen.

Restaurierung definiert sich für mich über das minimalinvasive Prinzip: So wenig wie möglich verändern und ausschliesslich reversible Verfahren und Materialien verwenden. Jede historische Oberfläche besitzt eine eigene Chronologie. Man muss diese technologische Geschichte erst analysieren, bevor man interveniert.


Ob wertvolles Sammlerstück oder liebgewonnenes Familienerbstück: Jedes historische Möbel hat seine eigene Geschichte verdient. Wenn Sie Fragen zur Pflege oder Erhaltung Ihrer Antiquitäten haben, helfe ich Ihnen in meiner Werkstatt in Mönchaltorf gerne unkompliziert weiter.

Autor: Martin Bäumli

Als leidenschaftlicher Restaurator im Schreinerhandwerk widme ich mich seit über 25 Jahren der Bewahrung antiker Werte. In meiner Werkstatt in Mönchaltorf verbinde ich traditionelle Handwerkskunst mit fundierter Materialkunde. Mein Herz schlägt für die Konservierung und Restaurierung historischer Möbel. Dabei setze ich konsequent auf Natürlichkeit: Bienenwachs, Naturharze und Öle mische ich nach Originalrezepturen aus der jeweiligen Entstehungszeit der Objekte an. Mein Ziel ist es nicht nur, ein Möbelstück zu erhalten, sondern seine individuelle Geschichte und gewachsene Patina für kommende Generationen lebendig zu halten. Auf diesem Blog teile ich mein Wissen aus einem Vierteljahrhundert Werkstattpraxis, um für einen respektvollen und fachgerechten Umgang mit unserem kulturellen Erbe zu sensibilisieren.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert